Was bedeutet die Corona-Krise für Kommunikation?

Die Corona-Krise stellt professionelle Kommunikatoren vor enorme Herausforderungen. Dabei greifen einige Regeln der Krisenkommunikation auch in diesen ungewöhnlichen Zeiten. Besonders die Langfristigkeit des Themas braucht Kreativität seitens der Kommunikatoren, um erstens Zuversicht zu geben und zweitens gleichzeitig die Aufmerksamkeit bei den Zielgruppen aufrechtzuerhalten. Ein Überblick.

Allgemeine kommunikative Herausforderungen in Krisenzeiten

Eine Krise verläuft immer anders, als man denkt. Unterschiedliche Krisen haben durchaus Parallelen und ähnliche Entwicklungen. Zum Beispiel schwinden Vertrauen in Informationen, Institutionen, handelnde Personen. Glaubwürdigkeit geht verloren. Gleichzeitig wächst das öffentliche Interesse, Empörung macht sich breit, ein Hype in den Medien setzt ein und die Reputation des Unternehmens oder der Organisation wird mehr oder minder unfreiwillig geschwächt. Trotz dieser Gemeinsamkeiten entwickeln sich Krisen aber nicht linear. Nicht selten ist der kommunikative Umgang mit der Krise selbst die wahre Herausforderung. Deshalb wird die Krisenkommunikation auch als „Königsdisziplin der Kommunikation“ bezeichnet.

In Krisenzeiten gilt es, transparent, offen, Fakten basiert und konsistent zu kommunizieren. Und das zeitnah und basierend auf den Bedürfnissen und Erwartungen der Zielgruppen. Krisen verlangen nach Antworten und Aufklärung. Transparenz und Offenheit schaffen Sicherheit und bewahren die eigene Glaubwürdigkeit. Der Faktor Zeit ist dabei entscheidend. Im Idealfall werden Vertrauen und Glaubwürdigkeit in den ersten 72 Stunden in der Zielgruppe etabliert. Krisenkommunikation liefert Informationen und stellt den Dialog zu wichtigen Meinungsbildnern und Multiplikatoren her. Sie schafft und fördert Verständnis, erläutert Sinnzusammenhänge, antizipiert Bedürfnisse und Erwartungen einer interessierten Öffentlichkeit und formuliert auf Basis überprüfbarer Fakten entsprechende Antworten.

Bitte nicht leugnen, verschleiern oder vertuschen. Keineswegs sollte Krisenkommunikation dazu genutzt werden, Informationen zurückzuhalten, sie zu verschönern oder gar manipulativ zu instrumentalisieren. Durch scheibchenweise Enthüllungen wird die Krise unnötig verlängert. Das haben wir beispielsweise bei der Kredit-Affäre von Ex-Bundespräsident Christian Wulff erlebt. Auch wenn Informationen und Einschätzungen binnen kürzester Zeit revidiert werden müssen, wird das Vertrauen nachhaltig geschwächt. Dies gilt es zu vermeiden. (Marktforschung.deDaulBuschardtStaub/StaubKaminskiSieversals/ire/dpawuv.de).

In Zeiten der Krise sollte sachlich kommuniziert werden. Emotionen sind meist fehl am Platz und sollten sparsam eingesetzt werden. „Selbstverständlich kann man auch Emotionen und Emotionalität gezielt einsetzen, aber dies kann Konsequenzen haben, die den ursprünglichen Absichten nicht entsprechen. Außerdem erschöpft sich Emotionalität ziemlich schnell und führt dann nicht zu den beabsichtigten Verhaltensänderungen“, sagt Prof. Dr. Ralph Hertwig, Direktor Forschungsbereich Adaptive Rationalität, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin (sciencemediacenter.de).

In Krisenzeiten kommuniziert meist der CEO persönlich. Krise ist Chefsache! Hierbei werden auch unbequeme Wahrheiten sachlich ausgedrückt – ohne Panik zu verbreiten. Dabei muss eine Balance aus Empathie für die Situation und sachlicher Information gefunden werden (PörksenDaul).

Krisenkommunikation der Politik während der Corona-Pandemie

Prof. Constanze Rossmann, Expertin für Gesundheitskommunikation an der Uni Erfurt, erklärt: „Behörden und Politik machen aus meiner Sicht in dieser gesundheitlichen Krisensituation einen guten Job. Das Robert Koch-Institut genauso wie andere relevante Gesundheitsinstitutionen haben das Virus und seine potenzielle Verbreitung von Beginn an ernst genommen und sich frühzeitig damit auseinandergesetzt, was zu tun ist. Nachdem sich die infizierten Fälle in Deutschland nicht mehr auf einen Ort begrenzt haben, wurde ein Krisenstab eingerichtet und seitdem regelmäßig in Pressekonferenzen informiert, die die Bevölkerung auch direkt über Live-Streams mitverfolgen kann. Dabei wird klar kommuniziert, was die Behörden bislang gesichert sagen können, aber auch, was – etwa aus epidemiologischer Sicht – noch unklar ist. Gleichzeitig wird kommuniziert, was die Behörden tun, um das Problem einzugrenzen und was die Bevölkerung tun kann, um sich zu schützen. Die Botschaften, die hier kommuniziert werden, sind dabei auch weitgehend 

übereinstimmend. Auch nutzen die Behörden neben klassischen Verbreitungswegen, wie Pressekonferenzen und damit traditionelle Medien, auch soziale Medien, um Informationen zu verbreiten“ (mdr.de).

Bundeskanzlerin Angela Merkel appellierte in ihrer TV-Ansprache zur Corona-Epidemie an die Vernunft der Deutschen. Jeder zweite Deutsche (50 Prozent) hat die Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel am 18.03.2020 im Fernsehen verfolgt. Nur sieben Prozent der Befragten geben an, von der Rede nichts mit bekommen zu haben (yougov.de). Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sprach vom „Krieg“ gegen Corona: Wie kommunizieren Politiker erfolgreich in Krisen? Angela Merkel hat eine Ausgangssperre als letztes Mittel nur angedeutet, als sie sagte, sie werde „stets neu prüfen (…), was womöglich noch nötig ist“. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder kommunizierte deutlicher, kündigte eine Ausgangssperre für Bayern konkret an. Sicher sind Abwägen und Moderation Merkels Markenzeichen, aber offenbar ist der Ernst der Lage bei so manchem noch nicht angekommen, sodass es vermutlich richtig ist, den Menschen die möglichen Konsequenzen ausbleibender Verhaltensänderungen sehr klar und eindeutig zu vermitteln.

Die Deutschen erwarten von Politikern klare, pragmatische und nüchterne Aussagen. Eine Kriegsmetapher, wie Macron sie in Frankreich verwendet hat, ist eher ungewöhnlich – das sieht man auch an der Aufmerksamkeit für den Begriff „Bazooka“, den Finanzminister Olaf Scholz benutzt hat, um seine Milliardenhilfen zu umschreiben (zeit.de). Alles in allem wurde in dieser Phase der Krise nicht komplett einheitlich kommuniziert, sondern dezentral. Wenn dies langfristig so bleibt, können daraus kommunikative Schwierigkeiten erwachsen.

Die Verantwortung wurde früh personalisiert. Jens Spahn hat regelmäßig mit den Experten vom Robert Koch-Institut informiert. Seit es richtig ernst wurde, hat Angela Merkel übernommen. Alle Beteiligten tragen ruhig vor und geben Wissenslücken und Unsicherheiten zu. Zum Beispiel, wenn die Experten nicht die Dunkelziffer der Infizierten wissen oder gar nicht wirklich prognostizieren können, wie sich die Situation entwickelt. Aber klar ist: Diese Situation ist auch für die Politiker neu.

Die Arbeit von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn von der CDU wird laut dem ARD-Deutschlandtrend von jedem zweiten Deutschen positiv bewertet: 51 Prozent der Bürger sind mit seiner Arbeit zufrieden, sieben Punkte mehr im Vergleich zum Vormonat. Seine Bekanntheit in der deutschen Bevölkerung stieg im selben Zeitraum ebenfalls um sieben Punkte von 83 auf 90 Prozent.

Wenn im Kontext von Gesundheitskrisen kommuniziert wird, haben wir es immer mit Risiko-Informationen zu tun. Hier besteht grundsätzlich das Problem, dass sich viele schwer damit tun, Risiken richtig einzuschätzen und zu verstehen. Wir unterliegen alle gewissen Risiko-Verzerrungen, die dazu führen, dass wir manche Risiken unterschätzen, andere überschätzen. Zum Beispiel überschätzen wir Risiken, über die viel kommuniziert wird, und solche, die wir als unkontrollierbar wahrnehmen. Hinzu kommt, dass viele grundsätzlich nicht gut mit statistischen Zahlen umgehen können. Wichtig ist es daher, möglichst wenig von Wahrscheinlichkeiten zu sprechen, sondern eher absolute Zahlen zu verwenden. Dies geschieht im aktuellen Corona-Kontext in der Tat sogar recht oft. Allerdings fehlt hierbei wiederum ein Anker. Was bedeutet es denn, wenn weltweit über 92.000 Fälle bekannt sind, die an COVID-19 erkrankt sind? Ist das viel oder wenig? Betrachtet man im Vergleich dazu die jährlichen Influenza-Raten, ist das immer noch nicht besonders beunruhigend. Diese Information fehlt aber oft. „Vor der Influenza hat die Bevölkerung wieder letztlich zu wenig Angst, weshalb sich zu wenig Menschen dagegen impfen lassen“, so Constanze Rossmann, Expertin für Gesundheitskommunikation an der Uni Erfurt (mdr.de).

In Krisensituationen werden Fehler gemacht. Aber es ist ein Qualitätsmerkmal von Demokratien, wenn sich Politiker in ihren Einschätzungen von einem auf den anderen Tag korrigieren. Wenn Überlegungen zu weitreichenden Maßnahmen – zum Beispiel, wenn es um die Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Deutschen geht – nicht sofort kommuniziert, sondern erst mal intern besprochen und durchdacht werden. Viele Menschen sind sehr ängstlich, es gibt Hamsterkäufe und gute Politik bedeutet eben auch, die Menschen nicht zu überfordern. Die Bürger müssen nicht alle Krisenszenarien kennen, die die Bundesregierung und die Bundesländer jetzt ausarbeiten, die verschiedenen Möglichkeiten und Optionen, die sie durchspielen. All das gehört erst in die Öffentlichkeit, wenn davon etwas wirklich umgesetzt wird. Absolute Transparenz ist nicht immer richtig: Die Verantwortung von Entscheidungsträgern liegt auch darin, Panikreaktionen zu vermeiden, wenn sie zu vermeiden sind. Denn Panik führt in Krisensituationen zu weiteren Problemen, etwa wenn die Menschen plötzlich zu große Summen Bargeld abheben. Da muss man abwägen. Sätze wie der von Thomas de Maizière („Teile meine Antwort würden Sie verunsichern.“) tragen nicht zur Deeskalation bei. Dann lieber kommunizieren wie Helmut Schmidt, der einmal auf die Frage, ob Politiker lügen dürften, antwortete: „Nein, lügen dürfen sie nicht. Sie müssen aber auch nicht alles sagen, was sie wissen.“

Mediennutzung während der Corona-Krise

Verlässliche Informationen sind zu Krisenzeiten besonders wertvoll (Deutschlandfunk). Es ist daher kaum verwunderlich, dass die Einschaltquoten von Nachrichten- und Sondersendungen in den Qualitätsmedien Rekordzahlen erreichen. Die Tagesschau der ARD zum Beispiel übertraf bereits ihren Jahreshöchstwert (Heindpa). Das Coronavirus wird zum wichtigsten Thema der Medien. Fast jeder zweite Deutsche (45 Prozent) findet jedoch, dass die Medien zu viel über das Coronavirus berichten. 36 Prozent finden, dass der Umfang der Berichterstattung durch die Medien angemessen ist (yougov.de). Knapp ein Drittel (27 Prozent) sagt, aufgrund des Coronavirus mehr Fernsehen zu schauen als gewöhnlich. Der Großteil (54 Prozent) allerdings gibt an, dass sich der Fernsehkonsum aufgrund des Coronavirus nicht verändert habe (yougov.de).

Wissenschaftler und Mediziner sind die vertrauenswürdigsten Stimmen in Zeiten der Corona-Krise, so das Ergebnis des aktuellen Edelman Trust Barometers: 68 bis 83 Prozent der Befragten geben an, dass sie Wissenschaftlern und Medizinern am meisten vertrauen. Einer Stimme “wie du und ich” vertrauen 63 Prozent der Befragten. Regierungsbeamte (48 %) und Journalisten (43 %) stehen dagegen mit weniger als 50 Prozent Vertrauen am unteren Ende der Rangliste. 85 Prozent der Befragten gaben an, dass sie mehr Informationen von Wissenschaftlern und weniger von Politikern hören wollen. 58 Prozent der Befragten befürchten sogar, dass die Krise für politische Zwecke aufgebauscht wird. Der CEO des eigenen Arbeitgebers liegt mit 54 Prozent in der Mitte der Rangliste (PR-Journal.de).

Rolle der Medien

Prof. Dr. Matthias R. Hastall, Professor für Qualitative Forschungsmethoden und Strategische Kommunikation für Gesundheit, Inklusion und Teilhabe, Technische Universität Dortmund sagt: „Medien spielen eine extrem wichtige Rolle als Informationslieferant. Ihre Inhalte starten und prägen auch stark persönliche Gespräche. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen in frühen Phasen einer Krankheitswelle Bedrohungen noch verleugnen oder verdrängen. Die Medien sind daran nicht ganz unschuldig, da bei vielen Medien im harten Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser eine gewisse Aufgeregtheit, Übertreibung oder Sensationalismus selbst bei banalen Themen zum Tagesgeschäft gehört. Daher kann es etwas dauern, bis Menschen bemerken, dass die Sorge diesmal gerechtfertigt sein könnte.“ Umso wichtiger sei es, dass Medien möglichst sachlich und konsistent auf die Gefahr, geltende Regelungen und wichtige Schutzmöglichkeiten hinweisen. So könne die Verleugnung und Verdrängung Schritt für Schritt überwunden werden. Umgekehrt könne eine Non-Stopp-Beschallung mit neuen Erkrankten- und Todeszahlen auch zermürben oder Ängste hervorrufen, selbst bei Personen, die sich und ihr Umfeld bereits bestmöglich schützen. Daher sei es wichtig und gut, dass Medien auch viele Angebote zur Ablenkung, Erholung und für positive Gedanken und Empfindungen bereitstellen (sciencemediacenter.de).

Journalistinnen und Journalisten können Menschen helfen, ihr Verhalten an die Bedrohungslage anzupassen. Dabei kann es sinnvoll sein, darauf zu fokussieren, wie notwendige neue Verhaltensweisen für soziale Distanzierung motiviert, eingeübt und sicher angewandt werden können. Forschende aus dem Bereich Verhaltenswissenschaften können hilfreiche Gesprächspartner für journalistische Medienvertreter sein, um zu erhellen, unter welchen Umständen Menschen tief verwurzelte Gewohnheiten, wie häufiges Ins-Gesicht-Fassen ablegen oder wie sich zum Beispiel durch Selbstbeobachtung neue Händewasch-Routinen trainieren lassen. Auch das Wissen darum, dass viele andere Menschen mit an demselben Strang ziehen, kann helfen, sich wichtiges neues Verhalten anzugewöhnen und Sicherheit in herausfordernden sozialen Situationen herzustellen (Sage ich eine Party ab? Gebe ich dem Chef die Hand oder nicht?) (sciencemediacenter.de).

Prof. Dr. Ralph Hertwig, Direktor Forschungsbereich Adaptive Rationalität, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin: „In einer Situation, in der soziale Distanz empfohlen wird, werden mediale und digitale Welten noch wichtiger als sie es ohnehin schon sind. Umso bewusster müssen sich die Medien ihrer Verantwortung sein.“

Das heißt in seinen Augen unter anderem:

  • sachliche Information, die den Bürger aufklärt und ermündigt und nicht gängelt oder gar manipuliert;
  • Informationsangebote, die auf unterschiedliche Nutzergruppen (Kinder versus Erwachsene) und Bildungsvoraussetzungen zugeschnitten sind;
  • Information, die konsequent, transparent und verständlich die Unsicherheit im gegenwärtigen wissenschaftlichen Kenntnisstand widerspiegelt und keine falschen Sicherheiten vorgaukelt (sciencemediacenter.de).

Darüber hinaus sollte selbstverständlich auch über die Proportionalität der Berichterstattung nachgedacht werden. Die vielen anderen Probleme, mit denen die Welt zu kämpfen hat, sind durch das Coronavirus nicht verschwunden: globale Erwärmung, die Gefahr des Rechtsextremismus, digitaler Wandel der Lebens- und Arbeitswelt und so weiter. Um den Eindruck eines Medienhypes zu entgehen, sollten auch diese und andere wichtige Themen eine angemessen Medienpräsenz erfahren (sciencemediacenter.de).

Menschen fordern gleichzeitig aber auch einen regelmäßigen Informationsfluss: Laut aktualisiertem Edelman Trust Barometer verfolgen sieben von zehn Befragten die Nachrichtenlage über den Corona-Virus in den Medien mindestens einmal am Tag. 33 Prozent gaben an, dass sie mehrmals am Tag nach Informationen suchen. Von den Arbeitgebern wird erwartet, dass sie die Informationen über Covid-19 regelmäßig aktualisieren. Dabei fordern 63 Prozent mindestens tägliche Aktualisierungen (PR-Journal.de).

Prof. Constanze Rossmann, Expertin für Gesundheitskommunikation an der Uni Erfurt, stellt aber auch klar: „Auf medialer Ebene lässt sich jedoch auch wieder beobachten, dass Informationen zum Teil verkürzt dargestellt werden, Negatives überbetont wird, Informationen auch durch die Bildsprache dramatisiert werden. Dies trifft auf Boulevardmedien stärker zu als auf Qualitätsangebote, was den typischen medialen Berichterstattungsmustern in vielen anderen Bereichen, aber auch in vergangenen Krisen entspricht. Dies kann man den Medien aber nur zum Teil zum Vorwurf machen, weil Platzmangel und Zeitbegrenzungen, etwa in Hörfunkbeiträgen, zwangsläufig zu Kürze zwingen. Dabei sollten Informationen jedoch nicht so gekürzt werden, dass aus einer unsicheren Information zum möglicherweise erhöhten Sterblichkeitsrisiko die Aussage wird, das Coronavirus sei tödlicher als die normale Grippe. Dass eine solche Verkürzung Angst erzeugt, ist vorprogrammiert“ (mdr.de). 

Social Media

In den sozialen Medien wird rege diskutiert und Hashtags wie #Ausgangssperre und #Covid19 führen die Listen der Twitter-Trends an. Großes Interesse besteht auch an Einschätzungen durch Ärzte und Virologen wie Prof. Christian Dorsten von der Berliner Charité, der auf NDR-Info täglich in einem Podcast über das Coronavirus informiert.

In der Corona-Krise merken wir aber auch, dass es leider eine wachsende Gruppe von Menschen gibt, die die aktuelle Berichterstattung nicht mehr regelmäßig verfolgt – vor allem junge Menschen und solche mit niedrigerem Einkommen. Auch an Menschen, die Deutsch nur schlecht verstehen, sollte gedacht werden. Manche haben im wahrsten Sinn des Wortes noch nicht verstanden, wie ernst die Lage ist.

Neben Statements der Bundesregierung und Aufrufen zum solidarischen Umgang mit der Krise werden jedoch auch Panik und Falschmeldungen medial verbreitet. Twitter und Facebook versuchen aus diesem Grund Informationen aus seriösen Quellen hervorzuheben (Deutschlandfunk). Zudem werden Rezipienten zu Besonnenheit und Skepsis gegenüber unbekannten Nachrichtenquellen aufgefordert, insbesondere auf den sozialen Medien und in Messenger-Diensten (Gensingvon Gehlen/Ott). Auch an die Medien selbst wird appelliert, trotz des Zeitdrucks ihre Quellen weiterhin genau zu prüfen (Fischer).

In einer solchen Situation braucht es Kampagnen in den sozialen Netzwerken. Mit Zeitungsanzeigen erreicht man nur bestimmte Gruppen. Das Monitoring von Social Media oder auch Blitzbefragungen können sinnvoll sein, um Gruppen zu identifizieren, die noch nicht begriffen haben, wie ernst es ist. Anschließend kann analysiert werden, wie diese Gruppen mit welchen Ansprachen, Appellen und Botschaften erreicht werden können.

Inzwischen haben das BMG und Jens Spahn in der Tat eine Anti-Corona-Aktion ins Leben gerufen. Unter dem Hashtag „#wirbleibenzuhause“ wird aufgerufen, Videos zu drehen, die zum Daheimbleiben motivieren sollen. Dies soll die Verbreitung des Virus verlangsamen und Menschen schützen. „Für wen bleiben Sie Zuhause?“, fragt das BMG auf Twitter, Facebook und/oder Instagram. Dem Aufruf sind bereits einige Prominente wie Matthias Schweighöfer, Joko Winterscheidt und Johannes Oerding gefolgt. Allein Schweighöfers Beitrag hatte in kürzester Zeit mehr als eine halbe Million Aufrufe. Testimonials können Reichweiten schaffen und in unterschiedliche Filterblasen vordingen.

Blick nach vorn:

In Deutschland gibt es einen starken Föderalismus. Krise bedeutet aber immer auch ein Zurück zum Zentralismus. Österreich hat dies beispielsweise sehr schnell gemacht: Kanzler Sebastian Kurz hat sehr schnell persönlich permanent die Öffentlichkeit informiert, eine Info-Hotline eingerichtet und die Landeshauptmänner eingebunden. So waren Alleingänge einzelner Bundesländer quasi ausgeschlossen.

In Deutschland gibt hingegen einen „Flickenteppich“ an Maßnahmen und auch kommunikative Dezentralisierung. Das führt zu der Gefahr, dass die Bevölkerung nicht genau weiß, woran sie ist. Dies kann mittel- bis langfristig zu einem Problem und einer kommunikativen Herausforderung werden: Es braucht eine einheitliche Kommunikation. Zum Beispiel indem der öffentlich-rechtliche Rundfunk zentral eingebunden wird. Die Sozialen Medien müssen in den nächsten Wochen und Monaten nach Falschmeldungen permanent durchforstete werden.

Der Bevölkerung wird zunehmend klar, dass die Situation nicht in drei Wochen vorbei sein wird und wir alle dann wieder zur Tagesordnung übergehen werden. Die Bundesregierung müsste jetzt damit anfangen, die Menschen auf diese mittel- bis langfristige Situation vorzubereiten. Denn in der ersten Woche war die Situation für alle neu und die Aufmerksamkeit hoch. In der zweiten Woche spielten sich neue Prozesse und Situationen ein und die Menschen gewöhnen sich an den Zustand. Ab der dritten Woche werden sich die Menschen gegenseitig zunehmend auf die Nerven gehen. Die Stimmung wird aggressiver werden. Die Energie muss kanalisiert werden. Es braucht Ventile.

Die Bundesregierung muss dann zur Beruhigung beitragen. Zum Beispiel in dem sie Nachbarschaftshilfen kommuniziert und aufruft sich daran zu beteiligen. Dass Menschen ehrenamtliche Tätigkeiten nutzen und anbieten können. Sinnvolle Beschäftigung zu schaffen und zu kommunizieren heißt das Gebot der nächsten Tage und Wochen.

„Die Corona-Krise ist keine typische Krise. Denn kein Mensch weiß zum aktuellen Zeitpunkt, wie lange diese Krise wirklich dauern wird. Deswegen brauchen die Menschen eine Vision und eine Perspektive, wie es weitergehen wird. Diese Vision muss Politik glaubhaft vermitteln“, sagt Verena Nowotny von Gaisberg Consulting, Wien. Eine vorausschauende Regierung muss Zuversicht vermitteln und kommunizieren. Es braucht ein positives Narrativ, ein „Wir schaffen das!“. Zurzeit heißt es eher „Es ist ernst.“ und „Bleiben Sie zu Hause“. Das trägt nicht zur Deeskalation bei. Deswegen muss die Regierung jetzt positive Botschaften und Narrative entwickeln, um der Bevölkerung Hoffnung zu geben. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die wirtschaftlichen Folgen massiv ausfallen werden.

Corona hat zurzeit eine sehr hohe Aufmerksamkeit (siehe oben). Aber wie kann die Regierung die Aufmerksam für dieses Thema aufrechterhalten, denn irgendwann können die Menschen Corona nicht mehr hören und sehen? Regionalität wird wichtiger werden und einen neuen Aufschwung erfahren. Dabei wird die Frage „Was bedeutet die Lage für mich konkret vor der Haustür?“ zentral sein. Die Themen werden von den Medienmachern weitergedreht werden, damit sie zu den Zielgruppen durchdringen. Die Regierung muss dies im Blick behalten und bei der Kommunikationsplanung berücksichtigen.

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